Mittwoch, 9. September 2015

Gedankenmatsch (Part 3)

Dieser Teil hat lange auf sich warten lassen, aber ich habe mich wieder ins Leben gestürzt, anstatt der Vergangenheit nachzuhängen. Gerade ist die letzte Woche meiner letzten Sommerferien und ich habe versucht die Wochen mit Freude und Spaß aufzufüllen. Bald beginnt das 12te Schuljahr und ich habe schon richtig Angst vor allem. Aber ich werde das schon irgendwie schaffen.
Zurück  zu meiner Zeit in der Klinik:

Kurz nach den Weihnachtsferien rief die Klinik an, dass ich schon am nächsten Tag kommen könnte. Ich wusste zwar, dass dies vor mir liegen würde, doch ich hatte nicht so früh damit gerechnet. Als mir meine Mutter dies also nach der Schule mitteilte, war es wie ein Sturz aus den Wolken in die harte Realität. Mittlerweile sind meine Erinnerungen getrübt und ich kann mich nicht mehr an all meine Gefühle und Gedanken erinnern. Aber ich weiß noch, wie seltsam es war, den Koffer zu packen- fast, als würde man in den Urlaub fahren. Aber nein, in dem Moment war es für mich eher wie eine Fahrt ins Gefängnis. 
Als ich ankam, wurde ich zuerst körperlich untersucht und musste einige Fragen beantworten. Meine Eltern waren die ganze Zeit über dabei. Während der Befragung hatte ich behauptet, mich schon länger nicht mehr verletzt zu haben, aber tatsächlich hatte ich mich erst zwei Tage zuvor leicht geschnitten. Und dann musste ich tatsächlich meine Hose für körperliche Test hinsichtlich meiner Beinfunktionen ausziehen. Ich weiß noch, wie schlimm das für mich war- noch nie hatte jemand meine Narben gesehen und ich kann bis heute nicht sagen, ob meine Eltern diese sehen konnten. Ich hoffe es nicht. Meine Lüge, ich hätte mich nicht mehr verletzt, war auf jeden Fall schnell aufgeflogen. Diese Untersuchgen wurden im Übrigen von der Ärztin durchgeführt, die auch die Einzelgespräche mit mir während der drei Monate führen sollte, 
Anschließend wurde ich von einer der PEDs (Pflege- & Erziehungsdienst: quasi die Betreuer) auf die Station gebracht, Zu dem Zeitpunkt waren alle anderen Patienten gerade im Garten, weshalb ich mich erst einmal in Ruhe umsehen konnte ohne von allen begutachtet zu werden. Ich wurde auf mein Zimmer gebracht und sollte mich erst einmal einrichten, wobei mir meine Eltern halfen, Es war seltsam und niemand wusste, was er sagen sollte. Worüber redet man auch, wenn man sein Kind gerade für eine für diesen Moment unbestimmte Zeit in die Psychiatrie schleppt? 
Auch der Abschied war seltsam und ich wäre am liebsten mit ihnen durch die Türen verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde und das machte mir am meisten Angst. Meine allgemeine Unsicherheit wurde noch mehr verstärkt und ich hab mich wie ein kleines Kind gefühlt.
Dieses Gefühl hielt auch noch ein paar Tage an, doch je besser ich die Tagesabläufe und Regeln verinnerlicht hatte, desto besser wurde es. Doch dazu später mehr.
Nachdem meine Eltern gegangen waren, durfte ich zu den anderen Patienten in den Garten. Meine ersten Schritte waren klein und ängstlich. Ich fragte mich, ob die anderen mich akzeptieren und aufnehmen würden. Glücklicherweise entdeckte ich relativ schnell ein Mädchen, das ich so vom sehen her aus der Schule kannte. Ich wusste, dass Gerüchte kursierten, sie wäre in einer Klinik, aber ich hatte trotzdem nicht damit gerechnet sie zu sehen. Doch dadurch war mein erster Kontakt zu allen anderen gleich geschaffen- sie sprach mich gleich an und stellte mich einigen Leuten vor. Sie saßen gerade in einer Vogelschaukel und ich durfte mit dazu. Ich hörte den Gesprächen eher zu und versuchte die Charaktere und Verhaltensweisen herauszufinden. Schließlich wusste ich nicht, wie alle tickten und ich wollte nichts unangemessenes sagen.
Nach und nach kamen immer wieder neue Leute vorbei um mich zu begrüßen. Schon bald bildete sich in meinem Kopf ein einziger Klumpen aus all den Namen und ich konnte mir keinen einzigen merken. Doch auch das änderte sich schnell wieder.
Während der ganzen Zeit waren übrigens zwar immer Jungs da, doch sie waren auch immer in der Unterzahl. Die Mädchen hatten zu dem Zeitpunkt überwiegend mein Alter, worum ich sehr froh war.
Auch gab es zwei Mädchen, die ebenfalls erst am Tag zuvor ankamen und für die alles neu war. Die einen der beiden war jedoch nach zwei Tagen wieder weg, da sie den Aufenthalt abgebrochen hatte. Die andere wiederum zog am nächsten Tag in mein Zimmer und wurde eine meiner engsten Freunde dort. Auch jetzt nach 1,5 Jahren habe ich noch Kontakt zu ihr.

So, das ist jetzt schon einiges zu lesen und ich muss meine Gedanken dazu auch erst wieder neu ordnen, bevor ich den nächsten Part schreiben kann. Es ist teilweise traurig sich so intensiv zurück zu erinnern, da ich vieles auch vermisse- vor allem die Personen  und die Gemeinschaft.
Falls ihr Fragen habt, immer her damit!

Samstag, 4. Juli 2015

Gedankenmatsch (Part 2)

Meine Lieben,

nun folgt ein weiterer Teil- der vermutlich nicht allzu lange wird, da ich bald gehen muss, aber zuvor unbedingt noch einmal posten wollte.

Ich beantworte einfach hier die Fragen zu meinem letzten Post, da diese vermutlich alle interessieren:

1. Wie alt bist du mittlerweile? 
Ich bin jetzt 18 Jahre, im September werde ich 19. Schon seltsam, wie viel Zeit vergangen ist. Dieser Blog besteht seit 2011 und noch immer kann ich nicht ganz von allem loslassen. 

2. Geht es dir jetzt gut?
Ja, mir geht es gut! Ich habe in der Klinik und in der Zeit danach unheimlich viel für mich und mein Leben gelernt und habe es geschafft, meine Laune überwiegend zu stabilisieren. Auch die Selbstverletzung ist meist kein Thema mehr (wenn, dann nur als Gedanke, nicht in der Ausführung). Nur mit meinem Körper hadere ich weiterhin, was mich jedoch meist nicht allzu weit nach unten ziehen kann. Aber das alles werdet ihr in den nächsten Posts in ausführlicher Form lesen können.

Da mir gerade nicht so viel Zeit zum bloggen vergönnt ist, möchte ich an dieser Stelle nicht mit dem weiteren Verlauf meiner Geschichte beginnnen- dafür brauche ich Ruhe und Zeit, da es nicht leicht ist, meinen Klinikaufenthalt in wenigen Worten zu beschreiben. Das nächste Mal gibt es mehr dazu. Falls ihr speziell zu diesem Thema Fragen habt, stellt sie- dann kann ich auf diese eingehen und das berichten, was euch interessiert.

Nun zu dem Thema dieses Posts: meine Liste von 101 Dingen in 1001 Tagen! (klicken und ihr könnt sie nachlesen)
Vor 23 Tagen sind die 1001 Tage vergangen und ich konnte nicht alles auf der Liste erfüllen, Jedoch gibt es dort auch viele Punkte, die ich gar nicht mehr erreichen wollte, Ein paar von diesen hatte ich sogar einmal durchgestrichen, jedoch sind es nicht alle. Rückblickend muss ich sagen, dass ich die Idee hinter der Liste wirklich gerne mochte und deshalb auch wieder eine neue starten möchte. All die Dinge, die ich nicht geschafft habe, aber noch machen will, werden dort wieder auftauchen.
Es ist spannend zu sehen, was ich mir vor 1001 Tagen gewünscht habe. 
50 Kilo wiegen, einen BMI haben, der nicht höher als 18 ist, enge Klamotten tragen können.
Bei meiner Körpergröße wäre diese Kiloanzahl im Untergewicht. Damals hatte ich mir tatsächlich vorgenommen Schritt für Schritt in die Magersucht zu gehen. Beinahe wäre dies sogar passiert.
Es bewegt mich immer wieder, mir meine eigenen Gedanken und Wünsche von damals bewusst zu machen. Es fühlt sich so unwirklich an. Als ob ich eine andere Person gewesen wäre. Als ob das nicht ich war. Doch es waren meine Gedanken, meine Wünsche, meine Vorstellungen.
Auf meiner neuen Liste wird keine Kilozahl und kein BMI vertreten sein. Doch leider ist es noch immer ein Wunsch von mir, abzunehmen, Ich wünschte, es wäre nicht so.
Aber bisher ist das leider wichtig für mich, da ich mich sonst nicht in meinem Körper wohl fühlen kann, Jedoch gibt es keine Zahl, kein Ideal, Nur das Gefühl des Wohlfühlens. Das wird der neue Punkt auf meiner Liste sein.
Vermutlich stelle ich diese heute oder in den nächsten Tagen ebenfalls online.

Donnerstag, 2. Juli 2015

Gedankenmatsch (Part 1)

Meine lieben Follower,

diesen Post hätte ich schon vor langer Zeit verfassen sollen, doch vermutlich hatte ich zuvor nicht genug Abstand von allem um alles zu schreiben. 
Es ist unglaublich, dass mir noch so viele von euch folgen, obwohl ich schon über ein Jahr lang kaum gepostet habe. Es ist insgesamt richtig traurig, dass mir beinahe 200 Menschen folgen- mir, einem Blog, der einmal über das ständige Kalorien Zählen, Selbsthass und der Essstörung gehandelt hat.
Ich wünschte, wir müssten uns über unseren Körper nicht so viele Gedanken machen.

Obwohl ich mittlerweile meist distanziert auf all das blicken kann, ist es doch sehr persönlich und emotional für mich. Deshalb werde ich alles, was ich euch sagen möchte, auf mehrere Posts verteilen.
Hier ist also der erste Post. Der erste Gedankenmatsch.

Ich beginne mit dem Zeitpunkt, an dem ich in die Klinik musste. Damals war ich gar nicht mehr wirklich in einer Essstörung gefangen. Ich hatte wieder normal gegessen und es nie wieder wirklich geschafft zu hungern. Allerdings waren die Gedanken immer in meinem Kopf, was bei mir zu einem extremen Selbsthass geführt hat. Ich habe alles an mir gehasst- meinen Körper, mein Gesicht und letztendlich auch meinen Charakter. Meine beste Freundin erzählte mir einmal, dass ich kurz vor meinem Klinikaufenthalt sehr in mich gekehrt war und kaum gesprochen habe. Rückblickend ist mir dies gar nicht mehr so richtig bewusst, aber ich weiß, dass es so war. In der Schule saß ich meist nur daneben und war so sehr mit meinem inneren Seelenscherben beschäftigt, dass ich kaum etwas um mich herum mitbekommen habe. Ständig startete ich den Versuch wieder abzunehmen, aber es gelang mir nie. Im Gegenteil- ich nahm immer mehr zu. Ich saß oft daheim und habe geweint, hatte einfach keine Kraft mehr und war völlig am Ende. All diesen Selbsthass und Schmerz habe ich durch Selbstverletzung ausgedrückt. Meine Eltern und Freunde machten sich große Sorgen, da es letztendlich so schlimm war, dass jeder sehen konnte, dass bei mir irgendwie etwas falsch läuft.
Irgendwann konnten meine Eltern nicht mehr zusehen und haben einen Termin in einer Jugendpsychatrie gemacht. Damals kamen sie mir wie Verräter vor, die mir schlimmes antun wollen. Mittlerweile bin ich ihnen jedoch von Herzen dankbar!
Bei diesem ersten Termin wurde ich über alles befragt und mir wurde die Jugendstation gezeigt. Ich wollte dort nicht hin und dachte immer, die anderen Jugendlichen dort würden mich auslachen. Immer war ich der Meinung, dass meine Probleme im Vergleich zu den anderen nichts wären. Ich habe damals nicht gesehen, dass ich tatsächlich schwere Depressionen und eine Essstörung hatte. Für mich fühlte es sich eher so an, als ob ich einfach ein wenig traurig wäre und eben einfach nur abnehmen wollte. Aber so war es nicht und das weiß ich jetzt.
Nach diesem ersten Termin dauerte es noch ein wenig, bis ein platz frei wurde, doch schließlich kam der Anruf: am nächsten Tag sollte ich in die Klinik kommen!

Mehr möchte ich heute nicht schreiben, Es ist schwerer als gedacht, darüber zu schreiben und alles wieder aufleben zu lassen.
Aber ich weiß, dass es wichtig für mich ist, um endgültig abschließen zu können. Außerdem sollten Leute, die auf diesen Blog stoßen, die ganze Wahrheit wissen. Ich möchte keine Inspiration für junge Mädchen sein, die auch auf dem besten Weg hin zu einer Essstörung sind, 
Ich weiß, was es bedeutet, wenn man diese Gedanken nicht rechtzeitig stoppt und ihr sollten wissen, wozu das alles führen kann.
Es ist nicht nur Abnehmen, es ist eine Krankheit.

Wenn ihr Fragen habt, schreibt mir! Ich versuche alles so gut wie möglich zu beantworten und so gut es geht zu helfen!!

Eure Anni